Die Vision von Christus im Richtergewand (1,9-20)
1,9 Nun kommen wir zurück zu »Johannes «, der sich als »Bruder und Mitgenosse « aller Gläubigen »in der Drangsal und dem Königtum und dem Ausharren in Jesus« vorstellt. Er verbindet hier »Drangsal«, Geduld (»Ausharren«) und das »Königtum«. Paulus hat sie in Apostelgeschichte 14,22 ähnlich verbunden, als er die Gläubigen ermahnte, »im Glauben zu verharren, daß wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen«. Johannes war im Gefängnis »auf der Insel … Patmos« in der Ägäis, weil er Jesu« treu geblieben war. Doch sein Gefängnis wurde ihm zu einem Vorhof des Himmels, als er die Visionen der Herrlichkeit Gottes und des Gerichtes empfing.
1,10 Johannes war »im Geist«, d. h. er wandelte in ungebrochener Gemeinschaft mit ihm und war so in der richtigen Haltung, um göttliche Mitteilungen zu empfangen. Das erinnert uns daran, daß man, um zu hören, nahe genug sein muß. »Der HERR zieht ins Vertrauen, die ihn fürchten« (Ps 25,14). Es war »an des Herrn Tag«, d. h., am ersten Tag der Woche. Das war der Tag der Auferstehung Christi, zweier seiner Erscheinungen vor den Jüngern und der Tag des Kommens des Heiligen Geistes zu Pfingsten. Die Jünger versammelten sich zum Brotbrechen am Tag des Herrn und Paulus wies die Korinther an, am ersten Tag eine Kollekte zusammenzulegen. Einige sind der Ansicht, daß Johannes die Zeit des Gerichtes meint, über das er schreiben will, doch der Ausdruck dafür ist im Griechischen ein anderer.5) Plötzlich »hörte« Johannes »hinter« sich eine »Stimme«, die so klar und laut klang wie eine »Posaune«.
1,11.12 Jesus sprach und wies ihn an »ein Buch« zu schreiben über das, was er sehen würde, und »es den sieben Gemeinden « zu senden. Als er sich umwandte, um den Sprecher zu sehen, sah Johannes »sieben goldene Leuchter«, von denen jeder eine Basis hatte, einen einzigen aufrechten Arm und eine Öllampe oben auf.
1,13 Die Person »inmitten der Leuchter « war einer »gleich einem Menschensohn «. Zwischen ihm und den einzelnen »Leuchtern« stand nichts, kein Vermittler, keine Hierarchie oder Organisation. Jede Gemeinde war unabhängig. Als Johannes den Herrn beschreibt, so sagt McConkey, plündert der Heilige Geist den Bereich der Natur, um Symbole zu erhalten, die unserem begrenzten und kleinen Verstand eine schwache Vorstellung der Herrlichkeit, des Glanzes und der Majestät dieses Kommenden geben, der der Christus der Offenbarung ist Sein »Gewand« war eine lange Richterrobe. Der »Gürtel« um seine »Brust« steht für Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit seines Richterspruches (vgl. Jes 11,5).
1,14 »Sein Haupt aber und die Haare waren weiß wie weiße Wolle«, um seine Ewigkeit darzustellen, als einen, »der uralt war« (Dan 7,9; LU1912), aber auch seine Weisheit und die Reinheit seiner Richtersprüche. »Augen wie eine Feuerflamme « sprechen vom vollkommenen Wissen, tiefer Einsicht und unbestechlicher Genauigkeit.
1,15 Die »Füße« des Herrn waren »gleich« poliertem »Erz, als glühten sie im Ofen«. Weil Erz in der Bibel durchgängig ein Bild für das Gericht ist, unterstützt dieser Vers die Ansicht, daß es hier in erster Linie um das Richteramt Christi geht. »Seine Stimme« tönte wie die Wellen des Meeres, oder ein Wasserfall in den Bergen, majestätisch und furchteinflößend.
1,16 »Er hatte in seiner rechten Hand sieben Sterne«, was Besitz, Macht, Kontrolle über die Sterne und Ehre andeutet. »Aus seinem Mund ging ein zweischneidiges, scharfes Schwert hervor«, das Wort Gottes (Hebr 4,12). Hier bezieht sich das Bild auf die scharfsinnigen und gerechten Urteile über sein Volk, wie sie sich in den Briefen an die sieben Gemeinden zeigen. »Sein Angesicht« leuchtete »wie die Sonne« zur Mittagszeit und zeigte den wunderbaren Glanz und die Herrlichkeit seiner Gottheit. Wenn wir alle diese Gedanken zusammenfügen, dann sehen wir Christus in all seiner Vollkommenheit als unbestechlichen und mächtigen Richter über die sieben Gemeinden. Später in diesem Buch wird er auch seine Feinde richten, doch »das Gericht (muß) beim Haus Gottes anfangen« (1. Petr 4,17). Man beachte jedoch, daß es sich in beiden Fällen um unterschiedliche Gerichte handelt. Die Gemeinden werden mit dem Ziel der Reinigung und Belohnung gerichtet, die Welt dagegen zur Bestrafung.
1,17 Als Johannes den Richter sieht, bricht er »zu seinen Füßen wie tot« zusammen, doch der Herr belebt ihn wieder, indem er sich als »der Erste und der Letzte« zu erkennen gibt, was einer der Titel Jahwes ist (Jes 44,6; 48,12).
1,18 Der Richter ist der Lebendige, der »tot war«, doch nun »lebendig in alle Ewigkeit« ist. Er hat »die Schlüssel des Todes und des Hades«, und damit die Kontrolle und die einzigartige Fähigkeit, die Toten aufzuerwecken. »Hades« steht hier für die Seele, und »Tod« für den Leib. Wenn jemand stirbt, dann kommt die Seele in den »Hades«, ein Begriff, der als Beschreibung für den leiblosen Zustand dient. Der Leib liegt im Grab. Für den Gläubigen ist der leiblose Zustand gleichbedeutend damit, beim Herrn zu sein. Bei der Auferstehung wird die Seele mit dem verherrlichten Leib wiedervereinigt und zum Vaterhaus entrückt.
1,19 Johannes muß nun »schreiben, was« er »gesehen« hat (Kap. 1), »was ist« (Kap. 2.3) »und was nach diesem geschehen wird« (Kap. 4-22). Dies ist die allgemeine Einteilung des Buches.
1,20 Der Herr erklärt nun Johannes die verborgene Bedeutung der »sieben Sterne« und der »sieben goldenen Leuchter«. Die »Sterne sind Engel« oder Boten der »sieben Gemeinden«, während die »Leuchter« die »sieben Gemeinden« selbst darstellen. Verschiedene Erklärungen sind für die »Engel« angeboten worden. Einige Ausleger behaupten, daß es sich um Engelwesen handelt, die die Gemeinden vertreten, so wie Engel auch Nationen vertreten (Dan 10,13.20.21). Andere meinen dagegen, daß es sich um die Bischöfe (oder Pastoren) dieser Gemeinden handelt, eine Erklärung, die keine Unterstützung vom biblischen Text her hat. Noch andere sagen, daß es sich um menschliche Boten handele, die die Briefe bei Johannes in Patmos abgeholt haben und sie an die einzelnen Gemeinden ausgeliefert haben. Dasselbe griechische Wort (angelos) kann entweder Engel oder Bote bedeuten, doch in diesem Buch ist die erstere Bedeutung wesentlich wahrscheinlicher. Obwohl die Briefe an »Engel« gerichtet sind, ist der Inhalt doch deutlich für alle Menschen in den Gemeinden bestimmt. Die »Leuchter« waren Lichtträger und damit ein geeignetes Symbol der Ortsgemeinden, die für Gott inmitten der Finsternis der Welt ein Licht sein sollen.
Auszug aus dem Buch “Kommentar zum neuen Testament” von William MacDonald. Weiterlesen bei CLV . Mit freundlicher Genehmigung, Christliche Literatur-Verbreitung e.V.
Tags: Bibelkommentar, Offenbarung, William MacDonald
Sie können einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite setzen.
Hinterlasse einen Kommentar